Nechliudow passierte nicht zum erstenmal im Leben das, was er “die Reinigung der Seele” nannte. “Reinigung der Seele” nannte er jenen seelischen Zustand, da er sich plötzlich, zuweilen nach einem großen Zeitraum, einer Verlangsamung, manchmal aber auch eines Stehenbleibend des inneren Lebens bewußt ward und sich an die Reinigung all dieses Kehrichts machte, welcher sich in seiner Seele angehäuft hatte und die Ursache dieses Stehenbleibens war.
Jedesmal stellte sich Nechliudow nach solchem Aufwachen Regeln auf, denen er für immer zu folgen gesonnen war: er schrieb ein Tagebuch, fing ein neues Leben an, welches er nie zu ändern hoffte - turning a new leaf, wie er zu sich sagte. Aber jedesmal fingen ihn die Verführungen der Welt, und er fiel wieder, ohne es selber zu merken, und oft noch tiefer als früher.
Auf diese Weise reinigte er sich und erhob sich einige Male; so war es mit ihm zum erstenmal, als er für den Sommer zu den Tanten kam. Das war das lebhafteste und begeistertste Erwachen. Und seine Folgen dauerten ziemlich lange. Dann erlebte er ein gleiches Erwachen, als er den Staatsdienst verlassen hatte und mit dem Wunsche, sein Leben zu opfern, während des Krieges in das Heer eingetreten war. Aber da trat die Stockung sehr schnell ein. Dann kam ein Erwachen, als er den Abschied nahm, ins Ausland reiste und anfing, sich mit Malerei zu beschäftigen.
Von der Zeit bis zum heutigen Tage war eine lange Periode ohne Reinigung verflossen, und darum war es bei ihm noch nie zu einer solchen Verunreinigung, zu einem solchen Zwiespalt gekommen zwischen dem, was sein Gewissen verlangte und dem Leben, das er führte, und ihn grauste, als er diese Kluft sah.
Diese Kluft war so weit, die Verunreinigung so stark, dass er im ersten Augenblick an der Möglichkeit der Reinigung verzweifelte. “Du hast ja schon versucht, dich zu vervollkommnen und besser zu sein, und es ward nichts daraus”, sprach die Stimme des Versuchers in seiner Seele, “also wozu denn noch einmal versuchen?… Nicht du allein, sondern alle sind so, - so ist das Leben”, sprach diese Stimme. Aber jenes freie geistige Wesen, welches allein wahr, allein mächtig, allein ewig ist, erwachte schon in Nechliudow. Und es war unmöglich, ihm nicht zu glauben. Wie ungeheuer groß auch die Kluft zwischen dem, was er war, und dem, was er sein wollte, war, so erschien doch dem erwachten geistigen Wesen alles möglich.
(…)
Er betete, bat Gott, ihm zu helfen, in ihn einzuziehen und ihn zu reinigen; unterdessen aber war das, um was er bat, schon geschehen. Der in ihm wohnende Gott erwachte in seinem Bewußtsein. Er fühlte sich jetzt als dieser und darum empfand er nicht nur die Freiheit, den Mut und die Freude des Lebens, sondern er fühlte auch die ganze Macht des Guten. Alles, alles Beste, was der Mensch nur zu tun fähig ist, fühlte er sich jetzt fähig zu vollbringen.
Tolstoi, Lew Nikolajewitsch; Auferstehung, Fischer Verlag GmbH, 4. Auflage: August 2012, (B.S. 142-144)